Vampire: Zwei. Hexen: Vier. Einhörner: Drei. Beliebt, dieses Jahr.
Ah, noch ein Vampir. Also, drei Vampire, vier Hexen, drei Einhörner. Und ein Geist. Der erste, den ich heute sehe. Hm, nein, Zombies zählen nicht.
Ich lächele in mich hinein, als ich den Bürgersteig weiter entlanglaufe. Es ist noch hell, aber die ersten Kinder sind schon auf der Straße und versuchen Süßigkeiten zu ergattern. Die meisten werden von Eltern oder anderen Älteren begleitet, die sich im Hintergrund halten, während die Kinder an den Türen ihre Sprüche aufsagen.
Sie alle tragen süße Kostüme, aber ich zähle nur die magischen Wesen.
Natürlich heißt es nicht, dass sie sich an die Herkunft von Halloween erinnern. Oder, das ihre Begleitungen davon wissen. Oder die Menschen an den Türen. Trotzdem freut es mich, wenn ich mir die Straße nicht nur mit Superhelden, Gesetzeshütern und Adeligen teile, sondern auch mit den Uralten.
Eine Fee! Die durchscheinenden Stoffflügel sind mit allerlei buntem Glitzer überzogen, das Kind reckt zusätzlich einen kleinen Stab mit einem Stern aus Plastik in die Höhe, während es im Chor mit den anderen einen Spruch aufsagt.
Ich ziehe meinen rotbraunen Mantel enger um mich zusammen und schüttele die mit unechtem Fell besetzte Kapuze auf, denn ein kühler Windstoß lässt orangefarbenes Laub, Kostüme und Kleidung gleichermaßen flattern. Er spielt nur, streicht mit sanften Händen an allem entlang, wie um auf einer Harfe zu spielen. Das Wispern der wenigen Bäume in meiner Straße wird vom Rascheln der Plastiktüten der kleinen Sagengestalten verstärkt. Die Musik unserer kleinen Stadt.
Kurz halte ich an und ziehe die frische Luft mit einem tiefen Atemzug in mich hinein. Wie von selbst schließen sich meine Augen und für einen Moment bin ich durchflutet von den Gerüchen des Herbst. Feuchtes, moosiges Aroma; Gewürze in auf Fensterbänken abkühlenden Kürbiskuchen; Kräutertee; eine Ahnung von Regen und Dunkelheit.
Der Übergang zum November ist häufig von Nebel oder Regen begleitet. Doch als ich meine Augen wieder öffne und an den nach und nach erwachenden Straßenlaternen vorbei zum Himmel aufschaue, sehe ich nicht eine Wolke. In den abgelegeneren Ecken von Gassen und Gärten sammeln sich auch keine dunstigen Fetzen, um später im Schutz der Dunkelheit eine wandelbare Decke über den Asphalt zu legen.
Wärme durchströmt mich, denn die Freude der Kinder wird ungetrübt bleiben. Es ist gut, wenn sie nicht um die Schatten wissen, die mit dieser Nacht verbunden sind. Verbunden waren, verbessere ich mich in Gedanken.
Ein neckischer Windstoß zieht mir die Kapuze vom Kopf. Meine Ohren und meine Nasenspitze fangen in der kalten Luft an zu kribbeln. Mein Lächeln vertieft sich.
Es ist Zeit, dass ich nach Hause komme, um meinen Teil zu tun.
Die grüne Tür des Mehrfamilienhauses, in dem meine Wohnung sich befindet, kommt in Sicht, und ich überlege, wie viele Kinder heute noch meine Klingel drücken werden. Sobald die Nacht sich herabgesenkt hat, werden es erfahrungsgemäß weniger. Für eine Weile ziehen dann die umher, die ich gerne Kobolde nenne: Junge Menschen mit nichts als Unsinn im Kopf. Nicht bösartig, aber leichtsinnig, mit sich und anderen.
Während ich aufschließe, zähle ich nochmal durch: Meine Liste hat sich auf drei Vampire, vier Hexen, drei Einhörner, einen Geist und eine Fee erweitert. Nicht schlecht, letztes Jahr waren es weniger.
Vielleicht, wenn es noch mehr werden… Ich unterdrücke den kurzen Anflug von Trauer und Sehnsucht, der in mir aufwallt. Dafür ist später noch Zeit.
Im Treppenhaus höre ich aus einer der Wohnungen im ersten Stock „Monster Mash“ dröhnen. Die Vorbereitungen für die übliche Party sind bereits im Gange. Die Einladung dafür, hübsch gestaltet, wie ich gerne zugab, hatte vor einer Woche in meinem Briefkasten gelegen. Ich würde nicht teilnehmen, aber ich wünschte meinen Nachbarn und ihren Gästen von Herzen Spaß. In dieser Nacht sollte gefeiert werden.
Ich streiche kurz mit leichten Fingern über die grünen Zweige an meiner Wohnungstür. Mein handwerkliches Geschick lässt zu wünschen übrig, daher sitzen die kleinen Spinnen und Schädel, die ich an ihnen befestigt habe, etwas schief. Trotzdem bin ich ganz zufrieden mit dem Ergebnis. Wer an meiner Tür vorbeikommt weiß, dass ich mich ebenfalls am Süßigkeiten-Verteilen beteilige. Zudem werde ich noch eine Kerze ins Fenster stellen… Es hat seine Vorteile im Erdgeschoss zu wohnen.
Als ich die Tür hinter mir zuziehe, werden die Klänge der Partymusik ausgesperrt. Nur das Dröhnen der Bässe ist noch entfernt zu hören, fast mehr zu spüren.
Es wird bald dunkel und ich möchte die Nachzügler, die jetzt noch vorbeikommen könnten, nicht verpassen. Schnell hänge ich meinen Mantel weg und ziehe die Schuhe aus. In der Küche steht der Kessel bereit, in dem ich Bonbons, Karamellkekse und kleine Schokoriegel gesammelt habe. Seit letztem Jahr lege ich auch immer etwas Obst dazu, Äpfel vorrangig. Meine „Kundschaft“ hat sich verändert. Oder deren Eltern. Ich beschwere mich nicht. Meinetwegen könnten Äpfel, Beeren und Nüsse die einzigen Opfergaben sein, die ich herausgebe, um die kleinen Pseudo-Monster zu besänftigen.
Doch das Blutopfer dieser Tage ist nicht mehr rot, sondern weiß. Zum Glück muss ich mich später nicht um die Kinder im Zuckerrausch kümmern.
Ich grinse vor mich hin, während ich die Kerze im großen Keramik-Kürbis anzünde, die den Weg zu mir leiten soll. Noch ist es zwar hell draußen, doch die Dämmerung gießt ihre Schatten zunehmend großzügiger aus. Die älteren Kinder, die etwas später ihre Beute suchen dürfen, werden bald anfangen ihre Runden zu drehen.
Das erste Klingeln lässt nicht lange auf sich warten. Noch sind die Taschen und Tüten der Kinder ziemlich schlaff; ich muss eine der ersten Stationen auf ihrem Weg sein.
Nur ein Handgriff und die rotbraune Maske mit den flauschigen Ohren und der schwarzen Nase sitzt bequem über meinen Augen. „Süßes oder Saures!“, schallt es mir im dreistimmigen Chor entgegen, als ich die Tür zum Hausflur öffne.
„Tolle Kostüme habt ihr an“, lobe ich, während ich einer Vogelscheuche, einem Dinosaurier und einem… Lastwagen, meinen Kessel hinhalte. Sie sagen brav danke, nehmen sich etwas heraus und ziehen fröhlich tuschelnd weiter. Der ältere Mann, der sie begleitet, nickt mir freundlich zu; ich winke zurück und schließe die Tür wieder.
Der Abend vergeht schnell und ich muss meinen Kessel zwei Mal nachfüllen. Immerhin konnte ich meiner gedanklichen Liste ein paar Einträge hinzufügen: Fünf Vampire, vier Hexen, vier Einhörner, drei Geister, zwei Feen, ein Troll. Zudem gestatte ich mir, die zwei Spinnen und den Wolf als Tiergeister mitzuzählen.
Ich schaue auf die Uhr, die mir verrät, dass es inzwischen nach zehn ist. Das heißt die Feier über mir wird bald losgehen. Und ich habe lange genug gewartet.
Ein Prickeln baut sich in mir auf. Eine fast schmerzhafte Mischung von Sehnsucht, Freude und Nostalgie rauscht durch meine Adern, lässt die Härchen auf meiner Haut abstehen. Meine Nasenspitze juckt, alle Gerüche werden intensiver.
Noch nicht.
Ich schließe meine Tür zwei Mal ab, blase die Kerze im Fenster aus und lasse die Rollläden herunter. Der kleine Esstisch ist schnell zur Seite gerückt, so dass ich genügend Platz in der Mitte des Raumes habe.
Ich kann meine Finger kaum noch kontrollieren, als ich meine Kleidung ablege. Ein Zittern hat mich erfasst, lässt meine Haut winzige Wellen schlagen.
Noch nicht.
Das lederne Band um meinen Hals, das den kleinen tropfenförmigen Mondstein hält, scheint in pulsierenden Bewegungen enger und weiter zu werden. Doch es ist nicht das Band, das sich verändert.
Tränen laufen über meine Wangen, als ich meine Hand um den Stein schließe und die verbotenen Worte sage. Die Worte, die mich in meine Heimat bringen werden. Die meine Verbannung nichtig machen.
Als das schimmernde Portal sich öffnet, schüttele ich meinen Pelz und drehe meine Ohren nach vorne. Füchse haben keine Tränen, genauso wenig wie Geister.
Aller Schmerz, alles Zittern ist vergangen. Ich bin ich selbst, und das Glück darüber füllt mich aus wie flüssiges Licht.
Ein kurzes Bellen und ich stürze mich in das Portal.
Ich bin Zuhause.
Wenn auch nur für diese eine Nacht.
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