„Immerhin, das Datum passt ganz gut zum Thema."
Ich verharrte mitten in meiner Bewegung und sah sie über den Tisch hinweg irritiert an. Dann nahm ich bedächtig einen Schluck von meinem Kaffee und lehnte mich zurück.
„Jetzt bin ich neugierig. Das musst du mir genauer erklären. Geht es um den Heiligen?", lächelte ich sie an.
Ich hatte mich gerade ein wenig über den anstehenden Valentinstag aufgeregt. Mich störten weder die herzförmigen Dekorationen im Café, noch der steigende Anteil an schnulzigen Liebesliedern im Radio. Auch dass es grundsätzlich einen Tag gab, an dem man die Liebe feiert, fand ich nicht verkehrt.
Was ich aber nicht mochte, war der Druck, der zunehmend weniger subtil ausgeübt wurde: Kauf etwas, um deine Liebe zu zeigen! Es muss eine romantische Geste sein! Es muss eine große Geste sein! Vergiss diesen Tag bloß nicht, sonst ist alles ruiniert!
Meine Güte...
„Nein, nein, damit hat es nichts zu tun." Sie schüttelte den Kopf und stellte ihre eigene Tasse ab. Aromen von Zimt, Kardamom und anderen Gewürzen wehten zu mir herüber. „Okay, lach mich nicht aus, ja?" Sie grinste und in ihren dunklen Augen blitze es schelmisch.
„Niemals!" Ich bemühte mich um ein möglichst ernstes Gesicht, aber wir beide wussten, jetzt würde sie eine ihrer typischen, etwas verrückten, aber liebenswerten Theorien spinnen.
Ihr leises, perlendes Lachen rieselte wohltuend über mich hinweg. Egal, wie sehr ich mich über etwas ärgerte, sie schaffte es mühelos, mich in bessere Stimmung zu versetzen.
„Gut, dann mal los." Sie legte ihren Kopf in einer nachdenklichen Geste schief. „Valentinstag ist am vierzehnten Februar. Februar ist der zweite Monat und vierzehn durch zwei ergibt sieben."
Ich begegnete ihrem triumphierenden Blick ausdruckslos, zog dann fragend eine Augenbraue hoch.
„Ja, ich weiß, das war ja noch nicht alles! Und, naja, es ist auch eine sehr persönliche Theorie." Sie nickte, dass ihr Pferdeschwanz wippte und grinste wieder breit. „Wenn ich der Liebe eine Zahl geben müsste, dann wäre es die Sieben. Und daher passt es gut!"
„Na, dann ist ja alles geklärt", kicherte ich. Es war wundervoll sie so zu sehen, mit leuchtenden Augen, Begeisterung abstrahlend. Wir kannten uns lange und gut genug, dass sie mir meine kleine Neckerei nicht übelnehmen würde.
Prompt streckte sie mir die Zunge heraus, zwinkerte mir aber auch zu, und sprach dann weiter: „Für mich gibt es sieben Formen der Liebe." Zur Verdeutlichung hob sie die Hände und begann, an den Fingern abzuzählen.
„Eins: Die Liebe zwischen Eltern und Kindern.
Zwei: Die Liebe zwischen Geschwistern.
Drei: Die Liebe zwischen Partnern.
Vier: Die Liebe zu sich selbst.
Fünf: Die Liebe zwischen Freunden.
Sechs: Die Liebe zu einer Tätigkeit.
Sieben: Die Liebe zu allem." Sie zuckte die Schultern. „Nenn es Schöpfung, Gott, Natur, was du willst. Halt eher sowas Umfassendes."
„Hm, verstehe." Ich nickte. „Und wie kommst du darauf?"
Sie winkte ab und ließ sich wieder in ihren Stuhl zurückfallen. Mit einer Hand angelte sie nach dem Henkel ihrer Tasse, sog genießerisch die aufsteigenden Dämpfe ein und blinzelte mich zufrieden an.
„Ach, ich weiß nicht. Erfahrung? Beobachtung?" Sie hielt kurz inne, doch ich spürte, sie wollte noch etwas sagen. „Im Grunde ist meine Einteilung so beliebig wie jede andere. Und es gibt auch Überschneidungen! Zum Beispiel... Geschwister und Freunde." Mit einem Nicken bekräftigte sie ihre Worte. „Manche beschreiben ihre Freunde als so nah wie ihre Geschwister. Oder umgekehrt, ihre Geschwister als engste Freunde. Nicht jede Beziehung beinhaltet nur eine Form der Liebe. Hm." Für einen Moment verdüsterten sich ihre Züge. „Manchmal ist in einer Beziehung auch gar keine Liebe." Sie schüttelte sich leicht, lächelte mich dann wieder an. „Aber darum geht's ja gerade nicht."
Ich nippte an meinem Kaffee und sah sie weiterhin nur an. Es faszinierte mich, wie viel Energie sie versprühte, wenn sie, wie gerade, eine ihrer Theorien verfolgte. Die Wärme, die ich verspürte, kam weder von den leicht überheizten Räumlichkeiten, noch von der Tasse, die ich mit beiden Händen umfasst hielt.
„Haustiere!" Ihr Ausruf schrak mich aus meiner Versunkenheit auf. „Wo würdest du Haustiere einordnen?"
„Öhm, bei den Freunden vielleicht?" Ich überlegte, ergänzte dann: „Vielleicht auch bei Geschwistern oder der Eltern-Kind-Beziehung. Kommt darauf an, oder? Zum Beispiel wie alt ich bin."
Sie nickte. „Ja, sehe ich auch so. Das wandelt sich auch möglicherweise." Mit der Fingerspitze tippte sie sich an die Nase. „Liebe ist ja nichts Starres, das für immer in einer Form bleibt. Die Grundlagen, wie Respekt, Vertrauen, Fürsorge, ja, die sind immer irgendwie Bestandteil davon. Aber die Ausrichtung oder Intensität ist mit der Zeit im Wandel."
Eine Weile schwiegen wir gemeinsam, jeder auf Wanderschaft in seinen Gedanken. Die leisen Gespräche der anderen Gäste, das Klappern des Geschirrs und das Fauchen des Kaffeeautomaten im Hintergrund waren nur Kulisse.
„Um nochmal auf den Valentinstag zurückzukommen...", unterbrach ich unsere Stille. Mit einem Blick signalisierte sie mir, dass sie mir zuhörte.
„Ich mag den Valentinstag vielleicht nicht besonders, aber die Liebe ist ein wirklich wichtiger Teil des Lebens. Sie verdient einen Tag, an dem sie gefeiert wird."
Sie nickte erst, dann zog ein skeptischer Ausdruck über ihr Gesicht.
„Ich glaube, das reicht mir nicht. Schau, es gibt so viel Liebe in meinem Leben, in all ihrer Vielfalt. Mag sie einseitig sein, wie bei einem Hobby, das mir aber trotzdem so viel gibt. Mag sie romantisch oder platonisch sein, kompliziert oder einfach. Wild, bunt, leise, heimlich." Sie schüttelte den Kopf. „Das alles zu sehen, nein, zu feiern, dafür reicht ein Tag nicht."
Ihre Augen blitzen wieder, als sie mich fest ansah.
„Ich möchte mich jeden Tag an die Liebe in meinem Leben erinnern. Sie jeden Tag umarmen."
Ich nickte nur stumm, dem war nichts hinzuzufügen. Dann prostete ich ihr mit meiner Tasse zu.
„Auf die Sieben der Liebe."
Mit einem Strahlen hob sie ebenfalls ihre Tasse: „Auf die Sieben der Liebe."
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